Das Knabenkonvikt der Kantonsschule Trogen
Das Konvikt (von lateinisch convivere; Gemeinschaft, Zusammenleben) spielte in der Geschichte der Kantonsschule Trogen eine zentrale Rolle, da es Brennpunkt des Alltags auch ausserhalb der Schulzeit war und zudem auch immer wieder etliche Auslandschweizer beherbergte.

Die abseitige Lage von Trogen bedingte schon von Beginn weg, dass Kantonsschüler unter der Woche Gast in einer Dorfpensionen waren. Schülern allerdings, die im Kanton wohnten, war in der Regel das schuleigene Knabenkonvikt vorbehalten (seit der Gründung der KST sollten beinahe 150 Jahre vergehen, bis die Schule auch ein eigenes Mädchenkonvikt hatte). Als 1821 die Kantonsschule ihren Betrieb aufnahm, waren im Dachgeschoss des Alten Konvikts bereits Schlafräume für Schüler eingerichtet. Bis 1907 war das „Institut“ oder „Pensionat“ weitgehend ein Privatunternehmen des jeweiligen Direktors gewesen. Danach wurde es vom Kanton zum „Statlichen Convict“ umbenennt und die Stelle eines Konviktleiters eingeführt. Dieser war in der Regel auch Lehrer an der KST. Das Knabenkonvikt beherbergte in seinen besten Zeiten über 50 Schüler, welche die drei Hauptmahlzeiten gemeinsam im Speisezimmer einnahmen. Neben den Hausangestellten (Köchin, Dienstmädchen, Knecht) gehörte auch noch ein Viehstand zum Konvikt: Im Parterre des Olymp mästete man Schweine, die einen wichtigen Einnahmeposten für das Konvikt bildeten.

Als 1967 der Soziologe René Riesen in seinem Gutachten zum Schluss kam, dass die Kantonsschule ohne Pensionäre und Pendler als staatliche Mittelschule nicht lebensfähig sei, wurde das Neue Knabenkonvikt mit der Mensa gebaut und löste 1979 das Alte Konvikt ab. In den späten 1980er-Jahren waren die Belegungszahlen jedoch kontinuierlich zurückgegangen: Die Verkehrsverbindungen hatten sich stark verbessert, und der Schulbesuch war aus den meisten Gemeinden des Kantons auch ohne Konvikt möglich geworden. Zudem war die Zahl der ausserkantonalen Schüler rückläufig. Aus diesen Gründen wurden 1996 auch die Schülerinnen aus dem Mädchenkonvikt im Knabenkonvikt aufgenommen. Im August 2003 wurde das Knabenkonvikt schliesslich ganz geschlossen. Spannendes Detail: Im Bezug auf den Neubau des Neue Knabenkonvikts bemerkte Ueli Widmer (ehemaliger Regierungsrat und Baudirektor des Kantons Appenzell Ausserrhoden) im Jahre 1995 prophetisch, dass dies das einzige ziemlich missglückte Gebäude der KST sei und dereinst vielleicht abgebrochen werde.

Lebhafte Erinnerungen von ehemaligen Konviktlern
Hans-Rudolf Merz (ehemaliger Bundesrat), Claude Bonard (ehemaliger Vize-Staatsschreiber Kanton Genf) und Jacques Dubochet (Nobelpreisträger) erzählen über ihre prägenden Erfahrungen im Knabenkonvikt.
Aus dem Oral-History-Archiv
Bei einem Besuch der Kanti, rund sechs Jahrzehnte nach seinem Schuleintritt, erinnerte sich Hans-Rudolf Merz mit grosser Freude an seine erste Zeit zurück und erzählte dabei folgende Anekdote:
Reglement und Hausordnung
Die Leitung des Knabenkonviktes stellte für das Konviktleiter-Ehepaar eine grosse Herausforderung dar. Neben den üblichen Haushaltsangelegenheiten spielte die Betreuung der Zöglinge eine zentrale Rolle. Um den Umgang untereinander zu gewähren war eine strikte Hausordnung unabdingbar. Das Reglement von 1907 beinhaltet insgesamt 30 Paragraphen, so zum Beispiel:
§ 16: Fehler der Zöglinge werden vom Konviktführer unter Rücksichtnahme auf die Verschiedenartigkeit der Charaktere durch freundliches Zureden, ernstliche Rüge und im Wiederholungsfalle durch Bestrafung zu bessern gesucht. Ernste Fälle werden dem Rektor und nötigenfalls auch den Eltern zur Kenntnis gebracht.
§ 21: Die Beaufsichtigung der Zöglinge bezieht sich sowohl auf deren sittliches Betragen, als auf deren Arbeiten; soweit dieselbe in die häusliche Erziehung eingreift, soll auch die Frau des Konviktsführers durch Anleitung und Zurechtweisung dabei mitwirken. Es soll namentlich darnach gestrebt werden, dass Ordnung, Reinlichkeit, Fleiß, Anstand und Verträglichkeit gefördert werden.
§ 22: Der Konviktführer und seine Frau werden es sich angelegen sein lassen, durch Veranstaltung von häuslichen Anlässen, gemeinsamen Spaziergängen, Gesellschaftsspielen, anregende Beschäftigung während der Freizeit zu bieten, sowie auch durch Pflege edler Geselligkeit und bildenden gesellschaftlichen Umganges die Schüler zu veranlassen, ihre Erholung vorzugsweise in der Anstalt selbst zu suchen.




Otto Gentsch
Im November 2025 bauten Arbeiter nach mehrmonatigen Malerarbeiten die Gerüste um das Alte Knabenkonvikt ab. Dabei fand auch eine bemerkenswerte Synchronizität statt: Zur gleichen Zeit schlenderte die Kanti-Schülerin Allegra Sturzenegger durch ein Brockenhaus in St. Gallen und entdeckte dabei die gerahmte Lithografie des Alten Konviktes. Verblüffend ist aber auch die Provenienz des Bildes: Auf der Rückseite war zu lesen, dass es Margrit Benteli-Gentsch gehört hatte, und diese war die Tochter von Professor Otto Gentsch (1877-1925), Französischlehrer an der Kantonsschule Trogen und erster Konviktleiter des Alten Knabenkonvikts. Gentsch selber hat dieses jahrelang geleitet und starb auf den Tag (an dem dieser Text verfasst wurde) vor genau 100 Jahren! Dazu steht im Nachruf der KVT-Mitteilungen, Nr. 5 (1926): Am stürmischen Morgen des 1. Dezember 1925 brach der erste Leiter des staatlichen Konviktes, Herr Prof. Otto Gentsch, von einem Herzschlag getroffen, vor dem Schul-
hause zusammen, um kurz nachher im Gebäude, dessen Räume er in 16-jähriger Tätigkeit so segensreich mit seinem Geiste erfüllt hatte, ohne Todeskampf in die Ewigkeit einzugehen. […] In dieser ausserordentlich verantwortungs-
reichen Stellung, vom frühen Morgen bis zum späten Abend in engster Beziehung mit einer grossen Schar geweckter und lebensfroher junger Menschen stehend, hat Freund Gentsch in 16 Jahren, immer strebend und lernend, sich bemüht, eine uneigennützige Arbeit geleistet, welche die Kantonsschule, der Staat und die Eltern kaum genügend verdanken können. Da kam ihm seine praktische Veranlagung nun vortrefflich zustatten. Im Verein mit seiner tätigen und energischen Gemahlin gestaltete er in unermüdlicher Arbeit die alten Konviktgebäude und ihre Umgebung nach und nach um in ein trauliches, wohnliches Heim, blumengeschmückt, ein Muster der Ordnung und der Reinlichkeit. Humorgesegnet, beschlagen, gewandt, die Jugend kennend, verstehend und liebend, suchte er aus einem wahrhaft religiösen Verant-
wortlichkeitsgefühl heraus die ihm anvertrauten Söhne zu ernsten, tüchtigen Männern zu erziehen, welche sich ihrer Verantwortung gegen ihre Familien, die Mitmenschen und die Heimat bewusst sind. Entschieden forderte er, wo er dies als nötig erachtete, Gehorsam und Unterordnung, daneben dem Frohmut, wo dies nur anging, freie Bahn lassend. Man denke nur an die heimeligen Abende, wenn unter den wogenden Wipfeln der mächtigen Konvikttanne die Appenzellermusik mit den frohesten Weisen lockte, oder an die Quartalabende, an denen er mit seinem eigenen Beispiel zu geistvoller Lustigkeit hinriss.








