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Hier ein Titel, der tatsächlich ohne ChatGPT verfasst wurde

Zerstört KI unsere Kreativität oder gibt sie ihr neuen Aufschwung? Elias Herrmann aus der Klasse 5e macht sich in seinem Essay Gedanken über den Unterricht an der Schwelle zum «Zeitalter der Postoriginalität»

Textgenerative Programme sind aus meinem Alltag als Schüler nicht mehr wegzudenken. Jede Frage, die ich mir stelle, und jede meiner Google-Suchen gelangt direkt zu einer Maschine, welche die früher mühsame Recherche für mich zusammenfasst, dazu passende Quellen auflistet und darüber hinaus einen perfekten «Reasoning Partner» zur Verfügung stellt. Ich muss mir wortwörtlich keine Gedanken machen, zumindest keine eigenen.

Ja, diese Art von «Hilfe» macht vieles sehr einfach. Vielleicht zu einfach? Es drängt sich der Eindruck auf: Man muss genau genommen nichts mehr selbst wissen. Heute Morgen, wie mir bewusst wird, dass wir in Deutsch einen Essay schreiben, braucht es nur ein Wort in der Suchleiste: Essay. Danach noch einen Klick auf Gemini, der Google-KI, und schon weiss ich wieder, auf was ich beim Schreiben achten muss respektive auf was es bei einem gelungenen Essay ankommt.

Eine Bemerkung zum Vorlauf: Ich hätte, nein, ich habe auch einen anderen Zugang gehabt. Über mehrere Wochen haben wir die Textsorte im Deutschunterricht besprochen, behandelt, gelesen. Dazu hat die Klasse selbst mehrere Probe-Essaies, Essaien, Essayse (ach, Perplexity, wie schreibt man das?) Essays (danke!) verfasst. Alle haben alle «Versuche» gelesen, danach haben wir gemeinsam an der Wandtafel ein Mindmap über die wichtigsten Erkenntnisse aus der «Vernissage-Lektüre» erstellt. Die Frage stellt sich: Sind all diese Deutschlektionen wirklich nötig gewesen? Ich konnte ja all die wesentlichen Informationen mit einem Mausklick zusammentragen. (Und ja, rein theoretisch ist der Essay von ChatGPT ebenfalls per Fingerschnipp geschrieben.)

Cogito, ergo sum
Meine klare Antwort auf die selbstgestellte Frage lautet: Ja, diese Lektionen sind von absoluter Notwendigkeit! Die Diskussion in der Klasse, das gemeinsame Lesen, das Fragenstellen, die selbstgeschriebenen Probe-Essays und das Mitstudieren beim Mindmap kreierten in meinem Gehirn neue Verbindungen, Assoziationen und Lehrstellen, die mir bleiben. Diese Informationen sind «in mir», sind sozusagen in Fleisch und Blut gespeichert. Sie sind immer verfüg- und abrufbar, auch ohne Empfang und Akku.

Eine Randnotiz: Ich liebe den Vergleich zwischen verschiedenen Sprachen der Welt. Hier fällt mir die englische Übersetzung von «etwas auswendig wissen» ein. Diese lautet nämlich «to know something by heart». Oder auf Französisch: «par cœur» Diese Erwähnung des Herzens zeigt mir, dass es sich lohnt, Dinge selbst zu wissen, im Herzen zu tragen, bei Herzen aufrufen zu können. Denn (noch?) muss sich meiner Meinung nach die künstliche Intelligenz im Erschaffen von wahrhaft neuen Dingen der natürlichen geschlagen geben.

Natürlich, selbst mein Physiklehrer hat uns letzte Woche gesagt: «Ja, nutzt KI, es ist ohne Frage ein hilfreiches Werkzeug. Was aber meine «Zugänglichkeit» und die Fähigkeit, individuell auf euch als Lernende einzugehen, angeht, sehe ich mich der KI als überlegen an.» Ich finde, er hat recht!
Etwas zu lernen und (wirklich) zu verstehen, kommt erst mit nachhaltigem Wissen, eines, das ohne Roboter weitergegeben werden kann. Ich bin überzeugt: Erst mit dem Selbstlernen kommt auch das Selbstdenken. Und dieses bin ich nicht bereit auf- und abzugeben.

Augenmass halten
Um Missverständnissen vorzubeugen: Ich nutze oft und gerne die KI. Als Leiter einer Jugendgruppe bin ich dreimal pro Halbjahr für die Planung und Durchführung eines Nachmittags für 10 bis 20 Kindern verantwortlich. Es geht um sportliche Aktivitäten, aber auch um Wissen oder Geschicklichkeit. Oder beispielsweise – im Sinne der Kreativität – um den Bau einer «Zwergenvilla». Früher hat mich die Ausarbeitung des roten Fadens bei der Vorbereitung ganze Abende gekostet. Jetzt wird mir der Grossteil von der künstlichen Intelligenz abgenommen. Ich kann mich umso besser um das Wichtigste kümmern: Die Kinder und deren Sicherheit – und den direkten, spielerischen Austausch mit ihnen.

Ich will aber auf mein ursprüngliches Anliegen zurückkommen, denn gerade in der «spielelerischen Leichtigkeit» liegt meines Erachtens auch die verführerische Gefahr. Bilder, Musik, Videos, ja, ganze Bücher lassen sich mittlerweile von einer beliebigen «couch potato» binnen Sekunden generieren. Und das Resultat ist nicht immer mies oder uninteressant. Doch glaube ich ganz fest daran, dass die beiden Welten (wenn irgendwie möglich) auseinandergehalten werden müssen. Das Gefühl, etwas selbst erschaffen zu haben, ist mit nichts vergleichbar.

Ein unverhandelbarer Wert
Wir leben in einer Zeit, in der sich die Dinge scheinbar rasend schnell verändern. Manches wird einfacher. Und genau dadurch wird anderes ungleich schwieriger. «Reasoning» wird zur Leichtigkeit, das Planen von kreativen Kinderprogrammen ein Klacks. Aber irgendetwas in mir mahnt mich zur Vorsicht. Ist es nicht genau diese hilfreiche «Intelligenz», welche Hewlett-Packard als Grund für die Entlassung von bis zu 6000 Angestellten angibt? Geht es eben auch hier (wie im Endeffekt fast immer) nur ums Geld? Ich frage nur.

Da hingegen bin ich mir mittlerweile sicher: Das eigene Wissen und das eigene Denken sind so wichtig wie nie zuvor. Die eigene Kreativität zu erleben, ist für das eigene Glück unersetzbar. Und vielleichte entpuppt sich ja genau diese Fähigkeit mittelfristig auch als individueller Wettbewerbsvorteil? Dass die künstliche Intelligenz die sogenannt menschliche zu ersetzen droht, zeigt uns allen einfach, wie viel Wert man auf den «echten» menschlichen Aufwand legen muss. Verstecken wir uns also nicht hinter Maschinen und kommen als Menschen zusammen. Und wo sind die Voraussetzungen dafür besser als hier, in der Schule?

Elias Hermann (Klasse 5e)

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